Netzwerk gesicherter Datenzugangsstellen – RDCnet
Vernetzung von Arbeitsplätzen für Gastwissenschaftler:innen zum einfachen und dennoch sicheren Zugang zu nicht-anonymisierten Mikrodaten.
Zugang zu sensiblen Forschungsdaten: sicher, aber aufwendig
Forschende in den Sozial-, Verhaltens-, Bildungs- und Wirtschaftswissenschaften sind auf umfangreiche Mikrodaten angewiesen. Solche sensiblen Forschungsdaten lassen sich jedoch meist nur vor Ort, am Standort des datenbereitstellenden Instituts, analysieren. Dieses Verfahren gewährleistet den Forschungsdatenzentren (FDZ) zwar die volle Kontrolle über Zugriff und Sicherheit, zwingt Forschende aber häufig dazu, für die gesamte Dauer der Analyse an einen anderen Standort zu reisen: Lange Anreisen, Übernachtungen und dadurch erhebliche Kosten sind die Norm. Zudem erreichen die Daten eines FDZ nur diejenigen Forschenden, die diesen Aufwand auf sich nehmen können – viele Datensätze werden dadurch deutlich weniger genutzt, als es möglich wäre. Genau hier setzt das RDCnet an: Indem es FDZ zu einem Netzwerk gesicherter, gemeinsam genutzter Zugangspunkte verbindet, ermöglicht es Forschenden, näher am eigenen Standort mit sensiblen Daten zu arbeiten. Ohne Abstriche bei der Datensicherheit.
Wie das RDCnet funktioniert
Das RDCnet setzt darauf, die bestehende Infrastruktur zu optimieren, statt die Daten physisch zu verlagern. Im Zentrum steht eine multilaterale Kooperation zwischen Partnerinstitutionen, die sich gegenseitig den Remote Access auf ihre Forschungsdaten ermöglichen: Ein FDZ kann seine Daten über die gesicherte Infrastruktur eines anderen FDZ bereitstellen – genauer gesagt über dessen Gastwissenschaftsarbeitsplatz (GWAP) – und umgekehrt. So werden die Daten weiterhin in kontrollierten Umgebungen analysiert, während die Zahl der verfügbaren Zugangspunkte mit jedem beitretenden Partner im RDCnet wächst.
Ermöglicht wird dies durch drei zentrale Bausteine. Erstens ersetzt ein standardisierter Kooperationsvertrag einzelne bilaterale Verträge, die bisher bei Kooperationen die Norm waren: Eine einzige Unterschrift ermöglicht somit die Zusammenarbeit mit allen Partnern im Netzwerk. Als Grundlage dienen hier einheitliche technische und organisatorische Maßnahmen (TOM), die als Mindestsicherheitsstandards definiert sind. Zweitens setzt das RDCnet statt eines vorgegebenen Systems auf technische Hilfestellung und bleibt so dezentral: Jedes FDZ kann sein eigenes Remote-Desktop-System nutzen, damit auch bestehende Strukturen weiterverwendet werden können. Für FDZ, die ein solches System noch nicht implementiert haben, stellt das RDCnet einen Referenzleitfaden für die Einrichtung eines Remote-Desktop-Systems bereit sowie eine Anleitung, wie sich die als GWAP genutzten gesicherten Terminals einrichten und konfigurieren lassen. Drittens schafft das RDCnet mit der Entwicklung von RDCdesk eine gemeinsame administrative Ebene und ersetzt so die fehleranfällige Abstimmung per E-Mail, die derzeit bei der Buchung eines gemeinsam genutzten GWAP oft zwischen den verschiedenen Parteien notwendig ist.
Das RDCnet für Forschende und Forschungsdatenzentren
Für Forschende liegt der Nutzen klar auf der Hand: mehr Standorte und damit geringere Kosten. Mit dem Netzwerk wächst die Zahl der Arbeitsplätze, an denen sensible Daten analysiert werden können – Forschende wählen einfach den Standort, der ihnen am nächsten liegt. Weniger Reise- und Übernachtungsaufwand bedeutet spürbar geringere Kosten – und damit geringere Hürden, die zwischen einer empirischen Forschungsfrage und ihrer Antwort liegen.
Für Forschungsdatenzentren ist das RDCnet eine Möglichkeit, die tatsächliche Nutzung ihrer Daten zu steigern. Jeder Partner übernimmt verpflichtend die Rolle der datenempfangenden Partei und richtet einen GWAP ein, an dem die Daten der übrigen Kooperationspartner zugänglich sind – was die eigene Institution für Forschende in der Region (und am eigenen Institut) attraktiver macht. Darüber hinaus können Partnerinstitutionen die Rolle als datengebende Partei übernehmen und ihre eigenen Daten im gesamten Netzwerk anbieten – wobei sie stets die volle Verfügungshoheit darüber behalten, wo, wann und von wem diese genutzt werden.
Was schon heute nutzbar ist
Der standardisierte Kooperationsvertrag, der überwiegend in dieser Phase gemeinsam mit der juristischen Expertise mehrerer Partnerinstitutionen erarbeitet wurde, ist bereits von fünf Institutionen unterzeichnet: GESIS, dem SOEP am DIW Berlin, dem IWH, dem FDZ Ruhr am RWI und dem ifo EBDC. Ergänzend wurden zwei praxisnahe technische KonsortSWD-Working-Paper veröffentlicht: zum einen eine praktische Handreichung zur Konfiguration und Installation eines Thin Clients als sicherer GWAP, zum anderen eine Dokumentation des Remote-Desktop-Systems am SOEP, das zur Teilnahme am RDCnet erarbeitet und implementiert wurde. Diese Dokumentation beinhaltet beispielsweise die Netzwerkarchitektur, die eingesetzte Hardware und Software sowie die tatsächlichen Kosten.
Der Remote Access auf SOEP-Daten ist über das RDCnet bereits verfügbar. Während die administrativen Abläufe noch optimiert werden, erfolgt der Zugang derzeit nach individueller Absprache. Bei Interesse wenden Sie sich gerne per E-Mail an rdcnet@diw.de.
Was kommt als Nächstes?
Im Fokus der zweiten Förderphase steht die Entwicklung von zwei Produkten. Das erste ist eine öffentliche Website, die alle Informationen bündelt, die Forschende und FDZ benötigen: welche Daten wo verfügbar sind, wie sich der Zugang erhalten lässt und was es braucht, um Kooperationspartner zu werden. Das zweite ist RDCdesk, eine Buchungsplattform, um die Administration von GWAP zu erleichtern. Speziell für Forschungsdatenzentren optimiert, ermöglicht sie es jedem FDZ, seine angebotenen Arbeitsplätze spezifisch zu konfigurieren: welche Daten verfügbar sind, wann und unter welchen Bedingungen auf sie zugegriffen werden kann. Die Verwaltung dieser Arbeitsplätze, das Bestätigen oder Ablehnen von Buchungsanfragen sowie die Bereitstellung automatisierter Informationen lassen sich alle über eine einzige Oberfläche erledigen. Das zentrale Merkmal von RDCdesk ist die Möglichkeit, gemeinsam genutzte Datenprodukte zu definieren: Eine Institution kann auf der Plattform also ein Datenprodukt am Arbeitsplatz einer anderen Institution anbieten. Stellen Forschende eine Buchungsanfrage, werden beide Parteien benachrichtigt und können die Buchung unabhängig voneinander prüfen und daraufhin zustimmen oder ablehnen. Das ersetzt die heute fragmentierte und aufwendige Kommunikation zwischen mehreren Parteien durch einen einzigen, verlässlichen Prozess. Über diese Produkte hinaus steht die Aufnahme neuer Partnerinstitutionen im Zentrum. Dazu befragt das RDCnet aktuell auch Universitäten in Deutschland, um ihr Interesse an der Bereitstellung eines GWAP zu ermitteln und zu klären, ob sie dafür technisch und organisatorisch ausgestattet sind. Universitäten sind in der deutschen Forschungsdateninfrastruktur nach wie vor nur schwach vertreten. Mit dem RDCnet besteht die große Chance, diese Lücke zu schließen und bedeutende Forschungseinrichtungen als datennutzende Partner einzubinden.
Das große Ganze
Zusammengenommen zielt das RDCnet auf das „Accessible“ der FAIR-Prinzipien. Indem es die rechtlichen und administrativen Grundlagen der Kooperation standardisiert, macht das RDCnet die deutsche Forschungsdateninfrastruktur effizienter und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Institutionen erheblich. Mehr Zugangspunkte, geringere Kosten und weniger Aufwand kommen letztlich den Forschenden zugute – und mit ihnen der exzellenten Forschung, die ein verlässlicher Datenzugang erst möglich macht.
Vertragliche Grundlagen zwischen kooperierenden FDZ im RDCnet:
- https://zenodo.org/records/13827792
Version 2.0 - https://zenodo.org/record/6358334
Version 1.0
Informationen zum Pilotprojekt:
- Allgemeine Informationen: https://zenodo.org/record/7870805
- Teilnahmeprozess: https://zenodo.org/record/7895433
- Teilnahmeformular: https://zenodo.org/record/7895486
Technische Grundlagen:
- Vortrag über technische Umsetzung: https://zenodo.org/record/6985130
- Implementierung eines Gastwissenschaftsarbeitsplatzes im RDCnet – Technische Anleitung zur Konfiguration eines Thin Clients: https://zenodo.org/records/10040912
- Buchungsplattform des RDCnet: https://zenodo.org/records/10618109